Top Ten Sardinien

- Zehn kleine Artikel zum Zehnten - von Gereon Buchholz
Up-Hill mit stetig steigendem Spaß
Besser geht nich, iss klar.
Sebastian, Steffi und ihr Team feierten mit 230 Freunden auf Sardinien ein Fest, das Tag für Tag rauschender wurde: Das Zehnte. Die Teamer starteten ein Up-Hill-Rennen, dessen Tempo und Genuss sich steil nach oben entwickelte. Man kennt das: Immer wenn der Speedskater bei einem unbekannten Anstieg denkt: „nach der nächsten Kurve muss es doch mindestens abflachen“, kommt noch was: Das Zehnte rauschte von Biegung zu Biegung noch mehr nach oben.
Als Ricardo und Sebastian sich um zwei Uhr am Sonntagmorgen auf der Bühne lange umarmten, da hatte der sardische Ruhrpottmusiker gerade spontan erklärt, warum er der frischeste Fan und Freund des Essener Wahlsarden Sebastian geworden war. Die anderen 230 Gäste an diesem Abend hatten sowieso schon Tränen in den Augen, weil sie es ihm so gut nachfühlten.
Es gab in diesen Tagen auf der Skaterinsel auch kleine und lustige Abfahrten, die alle später hier noch notiert sind, schon allein wegen der alten Schreiber-Weisheit: „Wenn du von etwas begeistert bist, vergiss nicht, einen kleinen Makel zu erwähnen - und wenn es das Wetter ist -, sonst kann kein Leser den wahren Glanz des Gelobten begreifen. –
Missione possibile
Den Glanz in den Augen der Teamer am ersten Abend mit vollem Haus konnte man nur ahnen: Sie trugen Sonnenbrillen. Am Mittwoch verwandelten sich die An-Leiter in Animateure, die mal nebenbei noch ein Showprogramm auf die Beine gestellt hatten. Sie schickten ihren Sebastian und sich selbst per Pantomime auf eine Mission, die selbst Optimisten impossibile genannt hätten. „Das schaffen wir schon“, soll Sebastian einmal mehr gesagt haben. Die Teamer machten es mit ihm und noch viel mehr.
Und der Makel: Es hat am Donnerstag geregnet.
Auf dem Teppich geblieben
Aber der Regentag wurde dann doch zu einem Genusshügel: Das Notprogramm entwickelte sich zu einem ganz besonderen Start, der schon allen klarmachte: Das geht hier ganz locker und total rasant nach oben. Das abwechslungsreiche und reichhaltige Fitnessprogramm am Morgen mündete in einen Nachmittag, bei dem das Hotel Capo Caccia seine Taufe als echtes Skaterhotel erlebte, bei dem Beschwerden einiger älterer Gäste mit enormen Rebound an der Rezeption abprallten: Auf den Fluren sprinteten, kurvten und sprangen die Skater und sie zeigten vor den Linsen der Kameras, wie kreativ sie sein konnten. Wenn Sardinien oder Russland mal Werbung brauchen, das Team „Des Zehnten“ hätte die besten Bewerbungsfotos. Übrigens: Den Schatz fanden alle und ließen ihn mit Piratenehre liegen.
Aber wo bleibt das Negative? Wir wollen auf dem Teppich bleiben, oder besser nicht. Dieser rote Teppich darf nie Skaterhassern in die Hände fallen: Er riss in Sekundenbruchteilen Knie und Hände auf; schneller als der rauheste Asphalt. Doch diese Geheimwaffe wird dort sicher bewahrt.
Skating Alive
Da also die Gefahr nicht auf den Skates lauerte, sondern beim Krabbeln, rief Sebastian für den Abend das Tanzen auf Skates aus. Wer glaubte, Speedskates seien Tanzschuhe, durfte staunen. Auf katalanisch-deutsch könnte man sagen: Dem Rapidador ist nichts zu schwör!
Man wirft zwar dem Speedskaten vor, dass es nur ein im Kreisfahren sei. Aber wenn der Kreis einen Durchmesser von unter drei Metern hat, wird es schwindelerregend. Bis auf die Todesspirale war alles zu sehen. Thomas hatte seine Tanzskateschuhe dabei und entpuppte sich als Travolta bei diesem Skating Alive, das es bei den Gruppentänzen mit Chorus Line aufnahm.
Leicht wellig
Dieses Kapitel beginnt gleich mit einer bitteren Wahrheit: Sebastian entpuppte sich am Freitag als der dreisteste aller Schönfärber.
„Leicht wellig“ nannte der Strahlemann den ersten Anstieg nach dem Ausstieg aus den Bussen. „Von nun an geht es bergauf“, wäre die Wahrheit für die Tour nach Thiesi gewesen, wobei die zwei kleinen Abfahrten dazwischen und die am Ende keinesfalls das „wellig“ rechtfertigen. Das Wort „leicht“ traf sowieso für die wenigsten der permanent gediegenen Anstiegsetappen zu. Für das nächste Camp sollte es Medaillen geben, so wie sie Wanderer im Grand Canyon bekommen; etwa „I hiked the Thiesi-Hill“.
Natürlich hatte Sebastian eine viel bessere Belohnung: Die Abfahrt zum See entwickelte sich zum reinen Genuss. Segelfliegen kann nicht schöner sein. Auf der Rückfahrt war der Kurs dann wirklich nur leicht wellig. Das musste gemeint gewesen sein, nur ein kleines Missverständnis also.
Ihr dann bitte zieht Leine!
Unmissverständlich war dagegen der Schluss des Festabends im Agritourismo an diesem Freitagabend. „In zwanzige Minute ihr dann zieht bitte Leine“ meinte der italienische Gastgeber schmunzelnd. Netter konnte er es kaum sagen, zumal er entschieden besser Deutsch kann.
Und es war genau der richtige Zeitpunkt eines runden Abends, bei dem fast jedem ein runder Bauch wuchs nach den vielen Gängen vom Brot über Gekochtes zum Gegrillten und den Schnäpsen, bei dem einer sogar in der Campfarbe Gelb den Rachen fegte.
Kann ein so ländlich einfacher, aber großartiger Genuss noch übertroffen werden? Das fragten sich etliche auf Rückfahrt und rechneten vorsichtig durch, wieviel Aerobic mit Hamida notwendig wäre, um bei so einem Camp abzunehmen. Auch wenn 20 Minuten mit der mitreißenden Fitnesstrainerin schon total erschöpften, müsste man da wohl schon Dreistelliges jeweils morgens und abends investieren.
Ein bisschen Anti passt noch
Vier Sterne hat das Hotel, und es ist klar, was noch zum fehlenden fünften Stern führen könnte: Mehr warmes Wasser. Die Harten, die etwas länger zu Hauptduschzeiten geduscht hatten, waren an den Eiskristallen auf der Kopfhaut zu erkennen.
Sonst ist dieses Hotel erste Sahne: Die Lage allein verdient fünf Sterne, das Frühstück entsprach ganz dem Konzept der permanenten Steigerung von einem soliden Level zu den Höhen des Mittagessens und Abendessens, bei dem man alles genießen durfte; nur nicht den Anblick eines leeren Tellers. Bei den Weltmeisterschaften im Auftischen wäre dieses Hotel vorne dabei, beim Abtisch-Wettstreit dagegen würde es souverän vor der Spitzengruppe rollen.
Über Antipasti und die Nudelspeisen führte der Essweg zu erlesenen Fisch- und Fleischgerichten (anders als beim Greenhotel nicht „entweder … oder“) und Nachspeisen die in der unglaublich schönen Festtorte „Des Zehnten“ mündete.
Im Capo Caccia werden die Skater nicht nur geduldet, oder sogar akzeptiert, sondern geliebt. Nächste Jahr wird das Personal wohl Skates an den Beinen und die Treppen durch Rampen ersetzt haben, die aus dem Komplex eine Skaterachterbahn machen.
Die Herren der Ring-Runde
Eine wilde Maus ist bekanntlich der Hobbitweg; und dazu der Anfang von allem, damals als Olaf, Steffi und Sebastian 2000 ein neues Traumland für Skater suchten und im Nordwesten Sardiniens fündig wurden. Am Morgen des Zehnten, des Jubiläumstages zum Zehnten in 2010 schloss sich dieser Ring. Die Damen und Herren der Rollen ließen es noch einmal richtig fliegen vom und zum Marktplatz von Palmadula.
So hatten sie sich warm gefahren für den Rennnachmittag, der dermaßen rund war, dass sogar Mathematiker einräumen würden: „Es mag das absolut Runde doch geben!“
Alghero steuerte einen Rundkurs bei, der mit Palmen und Strand in der Frühjahrssonne die perfekte Kulisse bot; dazu nette Polizistinnen.
Der Kurs selbst besaß 800 Meter ordentlichen Asphalt, und mit der Kurve der großen Steine wurde Langeweile vermieden sowie mit dem Kanaldeckelloch samt Warnmann ein weiteres selektives Element eingebaut, das Zuschauer wie Skater gleichermaßen in Atem hielt. Von den angefeuerten Bambini bis zu den Teamern gab es ein Rennprogramm, das jedem Skate-Event gut stehen würde, begleitet von permanenten italienischen Erklärungen, die sehr ermunternd klangen. So müssen sich Hunde fühlen: „Ich weiß zwar nicht was Herrchen genau sagt, aber ich habe nun bei diesen Klängen doppelt so viel Lust, Stöckchen zu holen.“
Ob er wohl auch erklärt hat, wer dieser seltsame Typ war, der immer mit einer Videokamera an einem Stock mit den Speedskatern durch die Kurven düste.
In diesem Schwall von italienisch ging jedenfalls fast unter, wie der Ansager den Last Man Out erklärte: „Letzte am Ende in die Runde musse immer wekke, immer wekke.“
Irgendwann mussten sie dann auch wekke, die 230 in den sonnengelben Trikotshirts, die vorher zur Belohnung in wirklich beachtenswert viele Foto-Objektive schauen durften.
Sebastian nicht ganz wekke
In die trockene Brause schauten alle, die nach dem Rennen duschen wollten. Es gab stattdessen die kalte Dusche; aber nur real. Denn im übertragenen Sinne wurde allen ganz warm ums Herz, bevor es heiße Musik und deutsches Fernsehliedgut gab.
Stilvoll begann der Abend „Des Zehnten“ mit Sekt und kleinen Häppchen, er erklomm neue Höhen mit dem Galadinner, für das manche im Eishagel duschen würden, und erreichte den vermeintlichen Gipfel mit der Begrüßung und Dankrede, bei der Sebastian genau erklärte:
- wie man zu seinem ersten Buch kommt,
- und zu einem Skate-Fotomodel und zu einer Freundin, die eine „gute Freundin“ bleibt,
- wie alles mit Sardinien begann,
- und wo genau man als Speedskater sich näher kommen und wo man Kinder machen kann,
- wie man ein gutes Team findet,
- dass dieses Festjahrteam ein ganz besonderes war,
- wie viel treue Gäste das Camp hat,
- wie man delegiert,
- wie man seinen Weg gegen den Willen des Vaters startet und zu dessen Freude nie vorher erreichte Ziele auftut,
- wann man etwas Neues tun sollte,
- und wie man das Erreichte übergibt.
Jedes Wort hinterließ einen kraftvollen Abdruck auf den Herzen. Doch einige der Gäste hatten auch etwas vorbereitet oder sagten einfach spontan, was ihnen Sardinien bedeutet. Als dann Anne wirklich gekonnt gereimt zurückblickte, da war das der Double Push, der gerade aus dem nach innen Pressen seine ungeheure Kraft entwickelte.
Doch wer jetzt glaubte, der oberste Gipfel sei erklommen, der hatte aus der Bergetappe Thiesi noch nichts gelernt: Es geht immer noch höher.
Der Ring des Ricardo
Bandleader Ricardo verband alles perfekt: Da schloss sich ein Ring, den sich nicht einmal Tolkien hätte einfallen lassen können. In Alghero geboren, aber wie Sebastian im Ruhrgebiet aufgewachsen und jahrelang wenige hundert Meter Luftlinie von Sebastians Vaterhaus gelebt pendelte der Sänger und Gitarrist locker spottend zwischen Direktheit aus dem Pott und dem italienischen Charme, zwischen Schlager und Soulgroove.
Es ging richtig ab, auf der Bühne mit den durchweg hervorragenden Musikern und auf der Tanzfläche mit Feierwütigen, die bereit waren, alles zu beschunkeln und mitzusingen von der Biene Maja über brechendes Eisen bis zum Shuffle mit Barmixer-Bluesharp, der noch einmal den Abend über die Ziellinie abschoss.
Zugegeben: Vielleicht reichte es nicht, dass Ricardo sein Versprechen einlöste und seine Lederjacke auszog.
Aber Sebastian hatte seine Anzugjacke auch anbehalten; und doch konnte man den beiden bei den bewegenden Schlussminuten ins Herz schauen.
Besser geht nich, in echt!
