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Iglus am Straßenrand

 

 

Die volle Packung von Sonntag bis Sonntag - Ein Bericht von Peter Gräf

 

Trainingscamp Sardinien 2005

 

Das fängt ja schon gut an, bevor es überhaupt anfängt! Klar - ich bin wie immer zu spät dran. Nichts wird es aus einer gemütlichen Fahrt zu dem Kaminskis und einem ebensolchen Abend dort. Werde ich eben die Nacht auf der Autobahn verbringen, um halb vier in Gelnhausen mein Gepäck umladen und mit zum Flughafen fahren. Von dem angeblichen Schneechaos auf der A 9 bei Ingolstadt habe ich zwar mittags im Radio gehört, Werner hat mich extra noch angerufen und gewarnt, aber es sind wahrscheinlich bloß die flachländischen Touristen, die Schnee auf der Straße für eine Naturkatastrophe halten und deswegen ins Schleudern kommen. Hier in München hat es in kurzer Zeit so an die zehn Zentimeter geschneit - aber was ist das schon?Na gut. Dann fahre ich eben mit einem Sicherheitspuffer von zwei Stunden los. Kann ja irgendwo Pause machen und ein wenig Schlaf nachholen. Die erste halbe Stunde läuft wie geschmiert. Schneefreie Straße, kaum Verkehr. Dann gerät alles ins Stocken und ich wundere mich, warum. Doch nicht wegen der paar Zentimeter Neuschnee, die am Straßenrand liegen? Die Fahrbahn ist fast trocken! Trotzdem geht es nur noch im Stop-and-Go weiter. Plötzlich, beim Autobahndreieck Holledau, kommt's ganz dick: Aus den 10 sind so um die 35 Zentimeter Neuschnee geworden, die sich am Straßenrand und zwischen den Fahrspuren auftürmen. Der Rest der Autobahn besteht nur noch aus festgefahrenem Eis, in das sich andeutungsweise noch die Spuren der Räder eingegraben haben. Hier muss es in kürzester Zeit so viel geschneit haben, dass auch für den Räumdienst kein Durchkommen mehr war. Auf der Gegenfahrbahn schaut's noch schlimmer aus. Da stehen sie alle, während ich glücklicherweise im Schritttempo vorankomme. Die ganze Szenerie hat etwas Surreales: Auf der Mittelleitplanke und am Straßenrand stehen riesige Schneemänner, die offensichtlich von denen gebaut wurden, die hier unfreiwillig den Nachmittag verbracht haben. Die Krönung des Ganzen: Ich rolle an einem halben Iglu vorbei, das schön akkurat am Rand der Autobahn aufgebaut wurde. Waren bestimmt Skandinavier. Die lernen sowas schon als Kinder.Schnell wie der Spuk kam, ist er auch wieder vorbei, und der Verkehr fließt für den Rest der Strecke ganz normal. Muss wohl ein meteorologisches Phänomen gewesen sein - Kachelmann wird's wissen. Nach diversen kleinen Päuschen komme ich entgegen meinen Gewohnheiten noch vor der vereinbarten Zeit in Gelnhausen an. Auf der Fahrt zum Flughafen Hahn mit Ilonka, Werner und Tim ist im Hunsrück die Straße stellenweise zugeweht, was mir ein überlegenes müdes Lächeln abringt. Fuß aufs Gas, Werner! Audi Quattro!SonntagGroßes Hallo in der Abflughalle. Jeder scheint hier jeden zu kennen. Sogar ich habe den einen oder die andere schon gesehen. Stelle mich still zu einer Gruppe von bekannten Gesichtern, mein ohnehin nicht gerade üppiger Redefluss kommt ob der Müdigkeit gar ganz zum Erliegen. Das Einchecken verläuft bis auf diverse Beanstandungen diverser im Handgepäck mitgeführter Unregelmäßigkeiten problemlos, der Flug ist okay. Ich frage mich nur, warum die Stewardessen ständig so grantig dreinschauen. Sind wahrscheinlich am Umsatz beteiligt und kaum jemand will essen oder trinken, sondern lieber seine Ruhe. Ich auch. Gute Nacht.Am Flughafen holt uns Sebastian mit zwei Reisebussen im Schlepp ab. Wieder großes Hallo. Die meisten scheinen ihn zu kennen. Angeblich ist es hier für die Jahreszeit ungewöhnlich kalt. Aber wenn man bedenkt, aus welchem Klima wir kommen ... dann ist das schon richtiger Frühling. Erste verschlafene Eindrücke von der sardischen Landschaft, dann geht's zum Quartierverteilen. Leider muss ich gleich reklamieren, weil mein Zimmer ganz und gar nicht so ist, wie ich mir das vorgestellt habe. Aber mit Steffis Hilfe bekomme ich für den nächsten Tag ein um Längen besseres - mit tollem Meerblick! Für die eine Nacht wird's schon gehen. Müde wie ich bin, könnte ich sogar schlafen, wenn der Aufzug mitten durchs Zimmer ginge. Tut er auch fast. Kalt ist es hier im Hotel. Überall steckt noch die Winterkälte drin. Gerüchte machen die Runde, dass es vorige Woche noch geschneit haben soll. Heizung im mitteleuropäischen Sinne haben sie nicht, nur elektrische Heizlüfter/Klimaanlagen an der Wand. Klar, dass die Batterien für die Heizungsfernbedienung neben Decken das Begehrteste sind, was die Rezeption zu bieten hat. Mein heiß ersehnter mehrstündiger Mittagsschlaf muss leider ausfallen, denn für 12.00 Uhr ist die Begrüßung, Vorstellung der "Teamer" genannten Trainer und die Gruppeneinteilung angesetzt. Mein Gott sind die alle durchtrainiert. Nicht nur die Teamer, auch viele der Teilnehmer. Werde ich das schaffen - eine ganze Woche den Bauch einziehen, um nicht allzu sehr aufzufallen. Wie zu erwarten bin ich in der schwächsten von zehn Gruppen. Gut so. Ich bin ja zum Lernen hier. Schön ist, dass die Hasenfamilie aus den gegebenen Umständen und auch Annekathrin in meiner Gruppe sind, obwohl sie eigentlich nicht hierher gehören. Moralische Unterstützung und der eine oder andere Tipp am Rande sind mir für die nächsten Tage sicher.Das Wetter wird immer besser und der Dunst vom Vormittag hat sich fast völlig verzogen. Nur kalt ist es noch, kaum einer traut sich, kurze Hose oder kurzärmliges Shirt anzuziehen. Am Nachmittag gibt's dann nach kurzer Einweisung und Aufwärmen die erste Ausfahrt Richtung Capo Caccio. Erste Hürde für mich: die Hotelauffahrt runter. Funktioniert aber ganz gut. Dann geht's auf die Straße zum Kap hoch, Abschwingen am Berg üben. Bei mir heißt das: ich muss es erst mal lernen, dementsprechend stelle ich mich auch an. Glücklicherweise hat Heike, unsere Trainerin, ein Einsehen und wir fahren nur ein kurzes Stück hoch. "Abschwingen" kann man bei mir wie bei den meisten anderen aus unserer Gruppe nämlich noch nicht sagen, eher "Abstolpern". Ist schon beeindruckend, wie die besseren Gruppen den Berg herunter gecarvt kommen. Mannomann. Man hört richtig, wie′s die Rollen abschmirgelt, gell, Werner?Nachdem das Abschwingen für die meisten in meiner Gruppe wohl noch zu schwierig ist, fahren wir erst mal wieder runter. Das Motto für den weiteren Nachmittag: "Wir erarbeiten uns einen Berg". Dazu geht's immer wieder den gleichen Berg immer wieder ein Stückchen weiter hoch. Endlich wird auch mein Selbstvertrauen größer. Bergauf habe ich nämlich das Gefühl, eine Lokomotive zu sein. Zum einen, weil ich dampfe und der Schweiß nur so spritzt - ist bei mir aber immer so. Zum anderen, weil ich an den meisten einfach so vorbeistampfe. Den Hasen mal ausgenommen, aber der fährt ja auch außer Konkurrenz. Hat sich das viele Langlaufen im Winter für mich also gelohnt. Ein wenig mulmig ist mir schon vor der ersten Abfahrt. Bin ich eben nicht gewohnt. Aber einfach nur runterfahren ist gar nicht so schlimm. Solange keine Kurven oder Hindernisse kommen. Mit jedem Stückchen, das wir weiter hoch fahren, wird die Abfahrt immer schneller. Und es fängt an, mir zu gefallen. Bin nun mal ein kleiner Speedfreak. Doch der neu gewonnene Übermut wird gleich wieder gebremst. Auf dem höchsten Punkt, den wir anfahren - es ist noch ein ziemlich steiles Stück Berg übrig - setzen wir uns in einer Kurve auf die Leitplanke und schauen einigen von den besseren Gruppen zu, die von oben kommen. Die ersten noch abschwingend, die nächsten volle Kanne runter. Und mittendrin die Kurve! Ob ich das jemals schaffe?So, für den ersten Tag reicht's jetzt. Zurück zum Hotel, kurzes Cool down, Duschen etc. In meinem Zimmer kommt′s mir vor wie in einer Eishöhle. Also Heizung auf volle Pulle und dann zum Abendessen. Überall immer noch großes Hallo und Begrüßung. Bin ich der einzige, der noch nicht hier war? Essen, Trinken, kurzer Überblick über das Wochenprogramm, Schlafen. Vorher noch drei Decken über das Bett geworfen, weil der magere Heizlüfter auch nicht viel hilft. In den Einscheibenfenstern sind nämlich nicht mal Dichtungen. Übrigens: Das nach oben offene Tort-o-Meter schlägt heute bis 0,5 aus.MontagAm Vormittag geht′s für unsere Gruppe nach Sassari auf die Bahn, den richtigen Abdruck lernen und üben. Leider müssen wir dazu erst ewig mit dem Bus rumgondeln. Mach ich halt die Äuglein noch ein wenig zu. Auf den ersten Blick schaut die Bahn ziemlich angegrabbelt aus, ist aber glatt wie ein Babypopo. Sie muss auch schon bessere Zeiten gesehen haben: Dem Vernehmen nach war Rollschuhlaufen in früheren Zeiten auf Sardinien so was wie ein Volkssport und die Sarden waren wohl auch international ziemlich erfolgreich.So recht weiß ich noch nicht, was mich erwartet, ich habe ja seit November nur gestern Nachmittag auf Skates gestanden, und die Gefahr, bei irgendwelchen mir abverlangten Kunststückchen die Füße zu verwechseln, ist ziemlich groß. Wo ich ja nicht mal richtig rückwärts fahren kann und die hier alle so rumkurven, als kämen sie aus dem Zirkus! Meine größte Angst ist ja, vor lauter Angespanntheit über irgendein Hindernis zu stolpern oder aus dem Stand der Länge nach hinzuknallen. Am besten in der Teampelle, dann ist die Schande umso größer. Nach den ersten technischen Übungen im Innenraum - für uns sind erst mal die einfacheren Dinge dran - kommt dann auch bei mir mehr und mehr Sicherheit zurück. Auf der Bahn im Kreis rum fahren wir auch noch und es macht richtig Spaß. Der Speed ist nicht schlecht. An die überhöhten Kurven muss man sich zwar erst mal gewöhnen, dann geht's aber ab wie Schmidts Katze, man könnte ewig weiterfahren und merkt gar nicht, dass der Vormittag schon vorbei ist.Auf dem Weg zurück ins Hotel legen wir einen Stopp beim Supermarkt ein. Die einen kaufen ein, die anderen fläzen mit kurzen Hosen und T-Shirt in der schon ziemlich warmen Sonne. Bei den Einheimischen ruft das zumindest inneres Kopfschütteln hervor, die laufen nämlich noch im dicken Wintermantel mit Schal um den Hals herum. Sogar Handschuhe sieht man bei mancher Dame. Dabei sind die Temperaturen locker im zweistelligen Bereich angekommen. Sehr angenehm. Kurz ins Hotel zum Mittagessen, dann geht's zusammen mit allen anderen Gruppen zur so genannten "Autobahn".Die heißt wohl so, weil sie bis auf einige sanfte Biegungen fast schnurgerade und mit bestem Asphalt gedeckt ist. Scheint auch ziemlich neu zu sein. Da fragt man sich schon, wozu die hier in der Middle of Nowhere eine solche Straße gebaut haben, wo in der Stunde vielleicht 20 Autos fahren. Etwa extra für uns? Schön ist, dass die Autofahrer die Störung durch uns fast ausnahmslos mit Gelassenheit oder gar Vergnügen hinnehmen. Egal, ob wir beim Aufwärmen oder Abkühlen mit 100 Leuten die Straße blockieren oder ob sie auf der Strecke erst mal auf unser Tempo abbremsen müssen, bevor sie überholen können: Sie bleiben freundlich. Ist vielleicht auch eine willkommene Abwechslung, die ganzen bunten Vögel auf der Straße zu sehen, die grüßen, winken und La Ola machen. Wie das wohl bei uns zuhause wäre?Die schnellen Gruppen rauschen davon und wir machen uns erst mal mit der Strecke vertraut. Dann fahren wir rauf und runter, üben den richtigen Abdruck etc. und auch schon ein wenig das Fahren im Zug. Davor habe ich am meisten Bammel. Zum einen, weil ich es noch überhaupt nicht kenne, zum anderen, weil ich schon gesehen habe, was passiert, wenn sich so ein Zug bei hohem Tempo auflöst: da geht′s holterdiepolter kreuz und quer über alle drüber. Und wenn man dann nicht nur selber unsicher ist, sondern auch die anderen nicht die Erfahrensten, hat man nicht das beste Gefühl. Das muss ich einfach noch mehr üben. Aber ich habe ja noch vier Tage Zeit. Zumindest bergauf klappt′s gut und das Bremsen per Pflug kann ich schon ansatzweise - habe ich mir bei den anderen abgeguckt, schaut professionell aus. Ist ja auch was.Nach dem Abendessen, wo das Tort-o-Meter heute bis 1 ausschlägt, ist ein Vortrag zum Thema Regeneration angesetzt. Leider nicht so prickelnd, weil er sich zu einer ziemlich rechthaberischen Diskussion über das Für und Wider von Leistungsdiagnostik entwickelt, von der niemand etwas hat, höchstens der Haupt-Wortführer einen Ego-Boost. Zum Glück habe ich vorher fast einen ganzen Literkrug Wein trinken müssen - die anderen machen heute noch mal so richtig auf sportlich und gesund - das macht alles erträglicher. Und gut schlafen kann ich auch. In meinem paradiesisch ruhigen angenehm kühlen Zimmer mit Balkon und Meerblick!DienstagHeute Vormittag steht die erste größere Ausfahrt direkt vom Hotel weg nach Porto Conte auf dem Programm, an deren Ende dann die Fahrt hinter dem Spiegel inklusive Videoaufnahmen stehen soll. Keine Rollschuh- oder Autobahn, einfach öffentliche Straße wie sie eben ist. Für mich wieder was Neues. Und gar nicht so einfach, denn der Straßenbelag wechselt einige Male und ist stellenweise ziemlich grob. Auf Schotter, Steine und anderen Dreck muss man außerdem achten, besonders bergab. Sicherheitshalber fahre ich erst mal alleine die Steigungen runter, auch wenn mich die vorderen abhängen. Unsere Gruppe, die heute Morgen von Miriam begleitet wird, weil Heikes Erkältung schlimmer geworden ist, zeigt schon die ersten Auflösungserscheinungen. Will halt doch nicht jeder bei den - Schlechtesten - gesehen werden. Dabei & wenn ich mir die beiden nächst höheren anschaue & soo groß ist der Unterschied da auch nicht.Die Idee mit dem Riesen-Spiegel am Heck des Transporters, in dem man sich beim hinterher Fahren genau beobachten kann, ist ziemlich genial. Okay, Videoanalyse etc. mit anschließender Besprechung des Gesehenen gibt′s schon lange, aber mit dem Spiegel hat man die Möglichkeit, die Tipps von Sebastian, der locker hinter dem Auto neben einem herfährt, sofort in die Tat umzusetzen, und dabei im gleichen Augenblick zu beobachten, was man macht. Bei der Videoanalyse dagegen gibt es diese Unmittelbarkeit nicht. Mensch, so schlecht schaut das bei mir doch gar nicht aus, für einen Autodidakten.Nachdem jeder dran war, geht es die gleiche Strecke zurück, die wir gekommen sind. So langsam traue ich mich schon ein wenig näher an die anderen heran, nur beim Bergabfahren halte ich lieber noch Abstand. Zumal ja jetzt irgendwann das steile Stück kommen muss, wo ich am Sonntag staunend den herunter rasenden - Schnellen - hinterher geschaut habe. Es muss doch gleich kommen, das steile Stück, weit kann′s nicht mehr sein, wann kommt′s denn endlich, damit ich rechtzeitig bremsen kann. Plötzlich bin ich unten. Ohne bremsen und ohne an irgendeiner Stelle ein mulmiges Gefühl gehabt zu haben. Ich habe es nicht einmal bemerkt, das steile Stück! Was für ein Held!Zum Mittags-Picknick fahren wir nach Palmadula in die Berge, wo die anderen Gruppen zu uns stoßen, die heute auf der Bahn waren. Von hier aus beginnt dann eine sehr schöne Ausfahrt kreuz und quer über Land. Unsere Teamerin für diesen Nachmittag ist jetzt Steffi. Schön, dass sie es locker angehen lässt, so bekommen wir wenigstens ein bisschen von der Landschaft mit. Es wäre sehr schade, wenn wir auf dem "Hobbitweg" die ganze Zeit nur den Asphalt anstarren würden. Denn dieser Weg hat seinen Namen wirklich verdient, er erinnert tatsächlich an das, was man von Neuseeland so kennt. Evtl. auch an Mittelerde. Dort war ich aber auch noch nicht. Es geht ständig ziemlich kurvig auf und ab, die Landschaft ist grün und wellig, Schafe auf der Weide, Hecken, Zäune etc. Fast wie im Bilderbuch.Wie es schon Tradition ist, muss ich bei den letzten Steigungen noch mal die Bergziege geben und merke heute, dass ich ziemlich fertig bin. Liegt es daran, dass schon der dritte Tag ist? Habe ich zu viel Sonne abgekriegt? Meine Rübe ist jedenfalls ziemlich rot und bleibt erstmal auch so. Gut, dass morgen Ruhetag ist. Können sich mein Gesicht und meine Beine erholen.Beim Abendessen halten die guten Vorsätze, das Tort-o-Meter verharrt bei eins, auch wenn Team-Mitglieder beobachtet worden sein sollen, bei denen dieser Wert (unwesentlich) überschritten wurde. Nach dem Abendessen dann die Auswertung der Videoaufnahmen. Dabei wird Teilnehmer für Teilnehmer vor der ganzen Gruppe bewertet, was den großen Vorteil hat, dass man auch demonstriert bekommt, was man auf gar keinen Fall machen und wie es im Idealfall aussehen sollte. Meine Fähigkeiten liegen irgendwo in der Mitte. Sebastian sagt, ich solle die Füße mehr "einfliegen" lassen, um effektiver abzudrücken, und ich solle tiefer in die Skate-Position gehen. Ein ähnliches Problem kenne ich vom Skilanglaufen, da bin ich auch immer zu aufrecht. Wahrscheinlich bin ich in meinem tiefsten Inneren einfach zu faul zum Bücken!MittwochHeute ist also unser trainingsfreier Tag. Das erinnert mich erst mal an Sonntagabend, als bei der Vorstellung des Wochenprogramms angekündigt wurde, der freie Tag werde von Donnerstag auf Mittwoch verlegt, weil dann in Alghero Markt sei. Das führte überraschenderweise zu entschiedenem Einspruch aus Reihen der Teilnehmer. Ob das trainingsmethodisch nicht unvorteilhaft wäre. Mir fehlte für diese Frage das methodische Grundwissen und mein Gesichtsausdruck war mit Sicherheit einen kurzen Augenblick gänzlich sinnentleert, weil ich meinte, den Einwurf nicht richtig verstanden zu haben. Hatte ich aber doch. Und statt den Fragesteller gemeinsam zu ignorieren, entspann sich zumindest im Ansatz eine ernsthafte Diskussion über den richtigen Zeitpunkt des Ruhetages. Wo bin ich hier denn hingeraten? Entspannung, Leute, Entspannung! Am besten morgens Tai Chi mit Heike machen, das entspannt. Gab′s ja jeden Tag vor dem Frühstück, konnte ich aber mit meinem Biorhythmus nicht vereinbaren. Auf einem Bein stehend schlafen können meines Wissens nur Vögel, und um diese Zeit ist mein Körper noch nicht wach. Also bin ich jeden Tag lieber liegen geblieben. Außer heute, weil das Tai Chi erst nach dem Frühstück stattfindet. Natürlich könnte ich statt dessen auch Simulationsübungen machen oder was sonst noch angeboten wird. Aber zwischendrin mal langsame Bewegungen sind sehr verlockend. Ist dann wirklich entspannend, auch wenn ich ab und an ein wenig wackle.Um 11.00 Uhr fährt das für uns organisierte Boot nach Alghero ab. Einige kennen die Stadt und den Markt schon und bleiben hier oder sind lieber sportlich mit dem Rad oder auf Skates unterwegs. Die Mitfahrer stürzen sich auf die sonnigen Bänke auf dem Oberdeck. Ich bin vom Tai Chi noch zu ausgeglichen und setze mich dann eben nach unten. Da scheint die Sonne genauso rein, und es ist mittlerweile so warm, dass man die großen Seitenscheiben zurückschieben und das Meer riechen kann, ab und zu von einer Schwade Abgas übertönt.Unbedingt zwischendrin kurz zum Wetter: Ist ja neben Unterkunft und Essen immer ein großes Thema. Bei so einem Trainingscamp, wo man ständig draußen unterwegs ist, sowieso. Und das Wetter in dieser Woche ist der reine Wahnsinn. Nicht nur, weil es so schön ist, nein: viel besser! Es ist ständig schöner. Jeden Tag haben wir besseres Wetter als am Tag zuvor. Genau das ist das Wahnsinnige dran, die permanente Steigerung, kein Rückschlag, keine Aufholjagd, kein Bangen ob es morgen wieder schön wird - es wird einfach immer besser! So ähnlich muss die höchste Form des Glücks sein, die ein Mensch erreichen kann.Das Boot macht ziemlich Fahrt, ab und zu dringt ein Fetzen Information zu Geschichte, Flora und Fauna Sardiniens ans Ohr, die Luis, so heißt unser (Fremden!-) Führer, über die Bordlautsprecher zum besten gibt. Das alles kann man sich aber gar nicht merken: Fische, Vögel, Katalanen, Geologie, kilometerlange Sandstrände, Naturhäfen, was weiß ich.In Alghero angekommen geht′s erst mal zum Markt. Eigentlich ein ganz normaler Wochenmarkt, wie es ihn in ähnlicher Art, kleiner oder größer, im ganzen Mittelmeerraum und in ländlichen Gebieten auch bei uns in Deutschland gibt. Interessant sind vor allem zwei Dinge: Dass ein ganzer Pecorino hier nur 6,50 Euro kostet, auch die anderen landwirtschaftlichen Produkte sind saubillig, weil von hier. Wenn nur die doofe Ryanair mehr als 15 Kilo Gepäck zulassen würde, dann könnte ich alle meine Freunde auf Jahre hinaus mit Käse versorgen. Und dann fällt mir noch auf, dass es hier genau die gleichen Kittelschürzen gibt, wie sie die älteren Frauen (Mamma!) aus meinem oberfränkischen Heimatdorf tragen und in der Stadt auf dem Markt kaufen. Scheint so, als wäre die Globalisierung doch ein alter Hut auf neuen Köpfen!Nach dem üblichen Mittagspicknick - dieses Mal an der Strandpromenade von Alghero geht′s mit Luis kreuz und quer durch die Stadt und die Geschichte. Viele interessante Dinge, die man aber nicht alle behalten kann: Drei Sprachen, bröckelnde Sandsteinhäuser, Gelsenkirchen oder so, sein Nachbar, der Friseur, etc. etc.Bei der Rückfahrt sitze ich mit Hans, dem alten holländischen Seebären, oben an Deck. Wir unterhalten uns über die Seefahrt im allgemeinen und im besonderen, während wir in die hinter dem Kap untergehende Sonne hineinfahren. Das Ambiente stimmt!Das Tort-o-Meter nähert sich heute bedenklich der für hiesige Verhältnisse gefährlichen Marke von 2,0. Vielleicht sollte man jetzt den Zeiger festnageln!Nach dem Abendessen gibt′s dann einen Vortrag zum Thema Technik. Einfliegen, Kniekuscheln und so. In der Theorie habe ich das schon kapiert, aber meine Beinchen wollen noch nicht so recht wie der Kopf. Auch wenn ich in den wenigen Tagen schon Riesen-Fortschritte gemacht habe.DonnerstagVormittags geht′s zunächst mal wieder nach Sassari auf die Bahn. Die Übungen werden ein wenig schwieriger, die Zirkusartisten sind ganz klar im Vorteil. Und tatsächlich: Ich falle vor Respekt gleich auf die Knie, obwohl ich mich an Annekathrin festhalte. Nicht aus Schwäche, nein! Das gehört zur Übung. Das Festhalten meine ich! Ist nämlich eine so genannte Partner-Übung. Außerdem passiert es bei Schneckentempo. Und es ist so wie ich schon am Montag befürchtet habe. Ich verwechsle die Füße. Weil wir die nämlich kreuzen müssen. Ist aber außer ein paar Kratzern an den Schonern nichts passiert. War mein einziger Sturz in der ganzen Woche. Ehrlich!Mittags dann mit dem Bus zu einem sehr schönen Picknickplatz oben am Berg. Wenn ich Sebastian so beobachte, komme ich aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Fährt ansatzlos von der asphaltierten Straße runter in den Schotter, dabei die Stockkamera in der Hand und locker mit den Umstehenden plaudernd. Und bremst dann einfach, als wäre nichts dabei. Na gut, wiegt ja fast nichts, der Kerl. Nach dem Mittagessen jagt er dann vor den Bussen die Serpentinen runter, dass einem Angst wird. Da staunen auch die Busfahrer!Nach kurzer Fahrt erreichen wir unseren Ausgangspunkt für die Nachmittagsausfahrt. Erst soll's ziemlich lang den Berg raufgehen, dann wieder runter. "Die Abfahrt runter könnt Ihr′s dann laufen lassen" , sagen die Teamer. Aber erst müssen wir mal hoch. Ich fahre schön brav mit meiner Gruppe los, die jetzt von Sabine begleitet wird. Zumindest an Anfang. Dann wird′s mir zu langsam und ich schließe mich Annekathrin, Katja, Matthias und Uli aus Köln an. Wir rauschen ganz schön den Berg hoch und überholen einen Zug nach dem anderen. Gut für mein Selbstbewusstsein.Und die Abfahrt ist erst gut für mein Selbstbewusstsein. Da geht′s nämlich dermaßen runter! Wie war das: "Ihr könnt′s laufen lassen" So einen Berg bin ich noch nie runter gefahren. Zuerst sind wir alle noch guter Dinge und rollen einfach so los, aber dann wird′s immer schneller und die Abfahrt länger und läääänger. Die Hoffnung, nach der ersten Kurve würde es flach werden, zerschlägt sich. Wir alle im Pflug. Bei Katja fangen die Füße an zu flattern. Uli wird′s zu schnell. Er lässt abreißen. Katja kann den Pflug nicht halten. Vorn stemmt sich Matthias mit aller Kraft gegen das von hinten drückende Gewicht. Die Sorge um seine schwangere Frau verleiht ihm Extra-Kraft. Auch ich stemme mich rein. Angst habe ich aber nicht - was ist das eigentlich? Aber Vorsicht ist die Mutter der Zarthäutigen. Aufpassen, dass ich Annekathrin mit meinem Schieben nicht aus dem Gleichgewicht bringe. Wenn jetzt ein Auto vor uns auftaucht: Schieben wir das den Berg runter oder überholen wir es. Meine Füße sind schon ganz taub vor lauter Rattern. Reicht die Kraft noch? Ein wenig schwach werden meine Beine schon. Dann ist es endlich überstanden. War eine interessante Erfahrung. Und gar nicht so beängstigend. Man darf nur nicht daran denken, was passiert, wenn es einen bei 60 Sachen aus der Kurve drischt.Zur Belohnung geht′s jetzt Richtung Sardischer Abend. Unterwegs treffen wir den am Straßenrand sitzenden Robby, dessen Füße sich langsam aber sicher in ein Stück rohes Fleisch verwandeln. Poor Lad.Ungeduscht aber umgezogen hinauf zur Schweinefarm von wegen landestypischer Kultur und so. Es gibt Spanferkel (müssen angesichts der Portionen noch sehr jung gewesen sein), Musik und Tanz. Luis und seine Gitarre sind auch da. Die Stimmung quillt förmlich über: Die übermütigen Teamer reiten Pony oder knutschen rum. Im Hof wird sardischer Sirtaki getanzt und Schnaps dazu getrunken. Aus gegebenem Anlass muss die Messung mit dem Tort-o-Meter heute leider ausfallen, aber das Vin-o-Meter schlägt gnadenlos aus.FreitagMorgens zur Spiegel- und Videoanalyse auf die Autobahn. Aha. Nachdem wir am Dienstag bergab hinter dem Auto hergefahren sind, geht′s heute bergauf. Didaktisch klug. Noch ein paar Übungen rauf und runter, dann Mittagspause auf der Schweinekoppel neben der Autobahn unter Eichen.Heute ein eher ereignisloser Tag. Die größte Spannung während der Mittagspause: ob vielleicht eine Horde halbwilder Eber aus dem Unterholz angestürmt kommt und uns die Lunchpakete streitig macht. Passiert aber nicht.Nachmittags steht Sicherheit auf dem Programm, das heißt vor allem Bremsen und Abschwingen. Was ich bisher ja gar nicht konnte. Durch die Standfestigkeit, die ich mittlerweile gewonnen habe, schaffe ich es tatsächlich, mich in die Kurve zu legen und die Rollen (ein wenig) rattern zu lassen. Klasse, dass macht ja richtig Spaß. Wie Ski- oder Motorradfahren. Mein Übermut führt dazu, dass ich ab und an durch den Grünstreifen trampeln muss, aber ich tu mir nichts.Ein schöner ruhiger Tag heute. Kann man sich die Energie fürs Abendessen aufheben, wo der Ausschlag des Tort-o-meters bedrohliche Ausmaße annimmt. An die 3,0 reicht er heran. Hoffentlich ist die Startbahn am Sonntag nicht zu kurz!Abends dann noch Trainingslehre mit dem Marathonläufer. Ist schon ganz interessant zu wissen, wie man es eigentlich machen sollte & Aber Ehrgeiz hin oder her, in meinem Alter muss ich mir das nicht mehr antun. Wichtig ist, dass es Spaß macht!SamstagFür heute steht die große Ganztagestour nach Stintino auf dem Programm. Sollen so um die 70 km sein, bei den schwächeren Gruppen auf einer nicht ganz so anstrengenden Route. Ist dann auch tatsächlich recht entspannt. Nur bei den Abfahrten merkt man, dass alle vorsichtiger als gestern sind. Klar, man weiß ja nie, was kommt. Mittags dann Picknick mitten in der Landschaft. Unsere Verpflegungsbusse sind schon da.Nach reichlich Pause in der ziemlich warmen Sonne geht′s weiter Richtung Meer, einige Anstiege rauf und runter, am Schluss dann eine Abfahrt, die man von oben nicht einschätzen kann. Die Teamer sind sehr besorgt, ob wir Schwächeren da auch wirklich runterfahren wollen. Ich schon, aber mit viel Respekt. Nach der Erfahrung vom Donnerstag ("laufen lassen") muss es wirklich steil sein, wenn die Teamer warnen. Also bremse ich dauernd. Was nicht nötig ist, denn im Vergleich zu vorgestern ist das ein Kinderspiel. Dafür gibt es eine tolle, langgezogene ansteigende "Zielgerade". Genau mein Terrain.Hier zeigen dann die Teamer hinter uns auch, was sie drauf haben. Ich fahre fast volle Kanne, da rauschen zwei männliche Teamer vorbei, kurz darauf auch Miriam und Kathrin. Die Kerle sind zu schnell für mich, an den Mädels kann ich dranbleiben Aber die unterhalten sich ja auch. Böse Zungen werden behaupten, ich wäre nur hinter den Röck(ch)en her gewesen, die die beiden heute zur Feier des Tages angelegt haben, was ich aber vehement bestreite! Der sportliche Ehrgeiz hat mich angetrieben, sonst nix! Und was habe ich davon? Einen feuerwehrautoroten Kopf und einen Schweißausbruch, mit dem man eine Babybadewanne füllen könnte, wenn's denn nicht so unhygienisch wäre. Ach ja: und ein kurzes anerkennendes Kopfnicken von Sebastian. Ich bin nämlich drangeblieben. Ich Held (s. Teil 1)!Man kann tatsächlich schon im Meer baden. Wird so um die 15 Grad kalt sein, aber für einen Mitteleuropäer ist das akzeptabel. Und nach der anstrengenden Fahrt tut es auch ganz gut. Das Wasser ist so flach, dass es von weitem den Anschein hat, die Leute, die durchwaten, würden darauf wandeln. Natürlich gibt es auch diverse Ins-Wasser-werf-oder-zerr-Aktionen, schadet aber keinem. Im Bus dann zurück zum Abendessen.Heute völlig hemmungslose Übertreibung des Tort-o-meters. Vereinzelt werden seit Beginn der Aufzeichnungen noch nie beobachtete Ausschläge über 3,0 beobachtet. Gerät hier das Gleichgewicht des Planeten und das Fortbestehen der Menschheit in Gefahr? Aus reiner Vergnügungssucht und Lust an der Völlerei?Nach dem Essen wird eine erste Rohversion des Videos vorgeführt, dann ist ein wenig gemütliches Beisammensein mit Rumgehoppel angesagt. Ich hopple nicht, denn ich tanze nie vor 2.00 Uhr, und ich bin ja schon um eins ins Bett. Dort tanze ich nur, wenn′s nicht anders geht.SonntagEs geht zurück. Alle sind eher still. Vielleicht weil′s so früh am Morgen ist, vielleicht weil sie nicht nach Hause wollen. Mir reicht eine Woche Trainingscamp aber. Noch ein paar Tage Urlaub anhängen, das wär′s. Vielleicht nächstes Jahr. Denn das steht fest: Ich werde wiederkommen. So sicher bin ich noch nie auf den Rollschuhen gestanden, und für die Kondition war′s auch nicht schlecht. Und Spaß hat′s gemacht ... nette Leute hier ... schönes Wetter ... Tort-o-meter ........